Fast Fashion

Mai 2021 | Handelsblatt | Handel der Zukunft

Fast Fashion

60 Kleidungsstücke kauft jeder Deutsche inzwischen pro Jahr – getragen werden sie immer kürzer. Nun zeigt die Pandemie das Risiko der Wegwerf-Mode: Unternehmen mit langlebiger Ware erweisen sich als weniger verwundbar.

Illustration: Mario Parra
Bernward Janzing / Redaktion

Die Umweltorganisation Greenpeace datiert den Startpunkt des Phänomens etwa auf das Jahr 2000. Zu jener Zeit ging es los mit einer Entwicklung, die man heute „Fast Fashion“ nennt – die schnelle Mode. Der deutsche Verbraucher kauft inzwischen im Jahr doppelt so viele Kleidungsstücke wie nach der Jahrtausendwende – und er trägt sie dann nur noch halb so lange. Mode sei „zur Wegwerfware verkommen“ klagt nun Greenpeace.

 

 

Möglich ist dieser Trend zur Dekadenz nur, weil Kleidung immer billiger wird. Entsprechend geben die Durchschnittsverbraucher:innen für ihre rund 60 Kleidungsstücke, die sie inzwischen alljährlich kaufen, kaum mehr Geld aus als zu jenen Zeiten, da sie nur die Hälfte erwarben. „Die Trends von heute sind der Müll von morgen“ formuliert die Umweltorganisation und verweist darauf, dass die Marktführer unter den Billigläden bis zu 24 Kollektionen im Jahr durch ihre Läden schleusen. Um den „Kleider-Kollaps zu verhindern“ so schrieb Greenpeace bereits 2017, müsse man sich „von Fast Fashion verabschieden“.

 

Man könnte in dieser Forderung eine Vorahnung sehen. Denn zwischenzeitlich hat die Corona-Pandemie die Verletzlichkeit des Geschäftsmodells „Fast Fashion“ schonungslos offenbart. Gerade jene Textilfirmen, die davon leben, in hoher Frequenz die Billigläden mit neuen Kreationen zu fluten, haben in Zeiten geschlossener Läden natürlich ein massives Problem, weil das Interesse an der Billig-mode schon wenig später deutlich abnimmt. „500 Millionen Kleidungsstücke drohen zu Abfall zu werden“ beklagte jüngst Greenpeace – und bezog sich damit lediglich auf Deutschland.

 

Ökotextilien sind dagegen deutlich besser aufgestellt – schlicht, weil es das Prinzip der Nachhaltigkeit gebietet, langlebige und damit auch eher zeitlose Mode zu kreieren. Entsprechend betont auch der Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) mit Sitz in Berlin, dass die Branche der nachhaltigen Kleiderproduktion derzeit besser durch die Krise komme als die konventionellen Mitbewerber. Zahlen gebe es dazu allerdings nicht, was auch an den vielen
Siegeln und Nachhaltigkeitsphilosophien läge, die eine genaue statistische Analyse erschwerten.

 

Ein weiterer Vorteil der Naturtextilwirtschaft liege darin, dass die Lieferketten oft deutlich kürzer seien, betont der IVN. Man habe, oft schon alleine durch die nötige Zertifizierung der Ware bedingt, direkten Kontakt zu den Produzenten und Dienstleistern. Die Ware gehe – ehe sie beim Kunden landet – durch weniger Hände und durchlaufe im Fertigungsprozess weniger Länder. Das mache die Warenströme übersichtlicher und damit in Pandemie-Zeiten besser beherrschbar. Hinzu komme der deutlich bessere Kontakt der Branche zu ihren Kunden. Ökologische Modelabel und Händler verfügten über deutlich mehr Stammkundschaft.

 

Den Vorteil erkennen nun offenbar immer mehr Akteure. Die Hessnatur Stiftung beobachtet, dass Nachhaltigkeit in der Textilbranche enorm an Bedeutung gewonnen habe – und die Corona-Krise treibe den Prozess weiter an: „Wir machen die Erfahrung, dass viele Firmen diese Zeit nutzen, um sich im Bereich Nachhaltigkeit besser aufzustellen“, sagt Rolf Heimann, Vorstand der Stiftung.

 

Vor allem die Hersteller von Billigklamotten sind stark von der Pandemie betroffen. In Europa und Nordamerika sei die Nachfrage nach Textilien drastisch eingebrochen, berichtet die Initiative Lieferkettengesetz. Es hätten Modeketten und Einzelhändler allein in Bangladesch Bestellungen in einem Gesamtwert von 3,15 Milliarden US-Dollar storniert oder zurückgestellt. Somit habe die Corona-Krise „die Fragilität globaler Lieferketten auf dramatische Weise gezeigt“.

 

Hinzu komme, so formulierte es Nicole Pälicke von der Kleidermarke People Wear Organic in einem Brancheninterview, dass die „konventionellen Player über Jahrzehnte den Werteverlust im Textilkonsum maßgeblich selbst getrieben“ hätten. Es sei „nach wie vor zu viel qualitativ minderwertige beziehungsweise austauschbare Ware ohne eigenes Profil im Handel“ – Ware, „für die sich der Konsument nicht wirklich interessiert und die nur preisreduziert vermarktet werden kann“. Aber inzwischen, sagt Pälicke, sehe man in der Mode einen „Trend zu sehr gezieltem, also bedeutend weniger Konsum“. Und das kommt naturgemäß den Herstellern nachhaltiger Produkte zugute.

 

Inzwischen treibt auch die Bundesregierung das Thema voran. Im Januar veröffentlichte sie einen „Leitfaden für eine nachhaltige Textilbeschaffung der Bundesverwaltung“. Entwicklungshilfeminister Gerd Müller sagte dazu: „Bei der öffentlichen Textilbeschaffung gelten ab jetzt klare Nachhaltigkeitskriterien – ob es um Polizeiuniformen oder Arztkittel geht.“

 

Auch für Privatkund:innen gibt es längst diverse Wegweiser im Warendschungel. Eines der jüngeren Siegel im Textilsektor ist der im Jahr 2019 durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit eingeführte „Grüne Knopf“. Er zeichnet Kleidung, aber auch Bettwäsche oder Rucksäcke aus, die nach besonders anspruchsvollen Sozial- und Umweltstandards hergestellt wurden. Der Klassiker aller Umweltsiegel ist unterdessen der „Blaue Engel“, den es auch für Kleidung gibt. Weitere Gütekennzeichen sind etwa die Better Cotton Initiative, Oeko-Tex oder auch das EU Ecolabel Textil, das offizielle Umweltzeichen der Europäischen Union. Das Öko-Institut listet ein gutes Dutzend an Textilsiegeln auf und beschreibt diese im Rahmen der Kampagne EcoTopTen.

 

Ein wichtiger Aspekt eines jeden nachhaltig ausgerichteten Konsums ist jedoch stets die Qualität der Ware. Bei der Auswahl der Textilien sollte „auf eine gute Qualität geachtet werden, die eine Langlebigkeit garantiert“, heißt es entsprechend auch im Nachhaltigkeitsleitfaden der Bundesregierung. Wobei langlebig bei Mode nicht nur physisch zu verstehen ist, sondern auch deren zeitlosen Stil umfasst, der sich nicht dem Diktat des ständigen Modewandels und der damit verbundenen Müllproduktion unterwirft. Es gelte, betont der Leitfaden, wie überall in der Warenwelt der Nachhaltigkeit der einfache Grundsatz: „Je länger das textile Produkt genutzt beziehungsweise getragen wird, desto geringer sind seine Umweltauswirkungen.“